Mali
Das alltägliche Nebeneinander verschiedenster Ethnien war einst die Stärke des Königreichs Mali, was bis zu
seinem Niedergang Anfang des 17. Jahrhunderts den ganzen Süden und Westen des heutigen Mali und weite Teile
Westafrikas umfasste. Die fluide ethnische sowie religiöse Zugehörigkeit, die alle, die innerhalb der
Grenzen
des Königreichs lebten, zu Bürger*innen machte, liest sich heute fast wie ein Märchen. Seit 2012 ist das
alltägliche Leben in weiten Teilen Malis von terroristischen Attacken geprägt, die alles andere als Toleranz
predigen. Die Regierung konnte diesen seit Jahren zunehmenden Terrorismus weder eindämmen noch die
Bevölkerung
schützen. Der langjährige Präsident wurde daraufhin 2020 in einem Staatsstreich abgesetzt, doch das Militär
fühlte sich nicht genug repräsentiert und putschte 2021 erneut. Ein Putsch im Putsch, sozusagen. Als
Reaktion
auf den Militär-Putsch haben sowohl die Afrikanische Union, die Internationale Organisation der Frankophonie
als auch die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) die Mitgliedschaft Malis zeitweilig
suspendiert. Dieser Ausschluss zusammen mit den multidimensionalen Krisen, die das Land durchmacht,
schwächte
Mali in sozioökonomischer und sicherheitspolitischer Hinsicht weiter. Wegen der angespannten Sicherheitslage
nahm die Unsicherheit in den ersten Monaten des Jahres 2022 in Mali und generell in den Ländern der G5 Sahel
(Burkina Faso, Mali, Tschad, Niger und Mauretanien) zu. Im Mai kündigte Mali seinen Rückzug aus der
Regionalorganisation G5 Sahel an, deren Gründungsmitglied es war. Das westafrikanische Land kämpft weiterhin
mit weit verbreiteter sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt, einschliesslich Zwangs- und
Frühverheiratung. Etwa 91% der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren sowie 69% der Mädchen unter 15 Jahren sind
beschnitten. Die Zunahme von sexueller Gewalt ist eine Folge von Krieg, Vertreibung und Migration. Um diese
zu
vermindern, arbeiteten die religiösen Führer eine Fatwa gegen sexuelle Gewalt aus. Diese wird vom
Exekutivbüro
des Hohen Islamischen Rates von Mali (HCIM) vorbereitet und hat zum Ziel, die Gläubigen in den Moscheen und
im
öffentlichen Raum zu sensibilisieren, um die konfliktbedingten Gewalttaten zu beenden.
Die seit vielen Jahren andauernden Klimaschwankungen haben die Situation zusätzlich verschärft. Diese
Auswirkungen
üben zusätzlichen Druck auf die natürlichen Ressourcen des Landes aus, von denen viele Menschen in Mali auf
existenzielle Weise abhängen: mehr als 80% der Frauen in Mali leben von der Landwirtschaft, ihre
wirtschaftliche Sicherheit und somit auch ihr Einkommen sind in Gefahr. Der Zusammenhang zwischen Klima,
Umwelt und Sicherheit wird auch an anderer Stelle deutlich: In Mali wurden in den letzten 20 Jahren etwa 15
Prozent der Waldfläche abgeholzt, was zu Bodenerosion führt. Die Auswirkungen sind nicht nur ökologischer
Natur, sondern betreffen auch die Sicherheit von Frauen und Mädchen. Aufgrund des Waldverlustes müssen sie
nun
längere Strecken zurücklegen, um Brennholz zu sammeln. Ohne den Schutz des Waldes sind sie einem erhöhten
Risiko ausgesetzt, bewaffneten Gruppen zu begegnen, was zu geschlechtsspezifischer Gewalt und Übergriffen
führen kann.