Westbalkan • Albanien

Albanien

Die albanischen Behörden haben 2022 der Stärkung des rechtlichen und institutionellen Rahmens im Hinblick auf die Gleichstellung der Geschlechter und geschlechtsspezifische Gewalt Priorität eingeräumt. Die Umsetzungslücke zwischen politischen Bestimmungen und tatsächlicher Gesetzgebung ist jedoch nach wie vor beträchtlich. Aufgrund von strukturellen patriarchalen Normen innerhalb staatlicher Institutionen, anhaltender Diskriminierung und Armut haben vor allem Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt, die verschiedenen Minderheiten angehören, oft nur begrenzten Zugang zur Justiz. Dies betrifft insbesondere Migrant*innen, LGBTQI-Gemeinschaften, Frauen mit Behinderungen, ältere Menschen und Kinder, die Opfer von Straftaten wurden oder mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind (UN, 2021).¹ 2022 wurden 12 Feminizide, 5'199 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt und 154 Fälle von Sexualverbrechen registriert. Der jüngste Bericht der Europäischen Kommission² unterstreicht die Notwendigkeit weiterer Anstrengungen zur konsequenteren Strafverfolgung von Gewalttätern und der besseren Sensibilisierung der Frauen über ihre Rechte und die verfügbaren Dienste. Der CEDAW-Ausschuss (United Nations Committee on the Elimination of Discrimination against Women) hat Empfehlungen ausgesprochen, um Albanien dabei zu unterstützen, in den Bereichen der Beschäftigung von Frauen, der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen sowie der Förderung benachteiligter Frauen Fortschritte zu erzielen. IAMANEH’s Partnerorganisationen berichten auch von einer Zunahme der Fälle von psychischen Problemen und Erkrankungen. Dies ist womöglich auf die generell zunehmende Unsicherheit zurückzuführen, welche sich überschneidende Krisen wie das Erdbeben von 2019, die Covid-19-Pandemie sowie der Krieg in der Ukraine mit sich bringen.

¹ UN (2021) Advancing Gender Equality and the Empowerment of all Women and Girls in Albania.
² European Commission, Albania Report 2021. Publication data 12 October 2022.

Albanien

Projekte

Ein Frauenhaus bietet Schutz und Perspektiven:
Unsere Partnerorganisation «Shelter Edlira Haxhiymeri» (SEH) in Tirana hat es sich zum Ziel gesetzt, Frauen und Mädchen durch ein Angebot verschiedener spezifischer Dienstleistungen zu ermächtigen und häusliche sowie geschlechtsspezifische Gewalt zu bekämpfen. In der Unterkunft des SEH können Gewaltbetroffene bis zu sechs Monate lang Zuflucht finden. Ein multidisziplinäres Team bietet Frauen und Kindern rund um die Uhr Unterstützung, um ihnen dabei zu helfen, ihr Selbstvertrauen zurückzugewinnen und ihr Leben wieder aufzubauen. Im Jahr 2022 fanden 49 Frauen und 39 Kinder Zuflucht und erhielten Unterstützung mit dem Ziel, ein Leben ohne Gewalt zu führen. Die Organisation kombiniert spezialisierte Dienstleistungen wie psychosoziale Beratung, Rechtsbeistand und Berufsausbildung im Frauenhaus mit Advocacy-Aktivitäten auf institutioneller Ebene. Das Projekt trägt durch gendertransformative Arbeit auch zur Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt bei. Insgesamt nahmen 592 Jugendliche und 294 Fachkräfte aus vier Gemeinden an verschiedenen Workshops teil.

Projektkosten*: 96'265.–

Die nationale Beratungsstelle für häusliche Gewalt, ein wichtiger Dienst während und nach Krisen:
Unsere Partnerorganisation «Counselling Line for abused Women and Girls» (CLWG) in Tirana betreibt die nationale 24-Stunden-Hotline für Gewaltbetroffene. 2022 wurden insgesamt 3144 Frauen durch Online-Beratung und Mediation unterstützt, während weitere 973 Frauen persönliche Beratung in Anspruch nahmen. Die Anrufe stammten hauptsächlich von Frauen, die Opfer psychischer und physischer Gewalt wurden und verzweifelt Hilfe suchten, um entweder einer Gewaltsituation zu entkommen oder sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. In einem Umfeld, in dem die kontinuierliche Bereitstellung spezialisierter Dienste für Gewaltbetroffene nicht gewährleistet ist, gelang es CLWG, das Leben von Mädchen, Frauen und ihren Kindern zu verbessern. Die Organisation bot den Betroffenen direkte psychosoziale Unterstützung, leistete Sensibilisierungs- sowie Advocacy-Arbeit. Um einen durchgehenden 24-Stunden-Service gewährleisten zu können, ist die Organisation auf ehrenamtlich tätige Beraterinnen und Berater angewiesen.

Projektkosten*: CHF 73'809.–

Albanien Nationale Beratungsstelle

Arbeit mit Tätern häuslicher Gewalt:
Seit 2010 konzentriert sich unsere Partnerorganisation «Counselling Line for Men and Boys» (CLMB) in Tirana auf die Beratung und Unterstützung von Tätern häuslicher Gewalt. CLMB bietet Beratung für Täter an, die entweder von Institutionen überwiesen wurden oder sich freiwillig melden. Im Jahr 2022 wurden 127 Männer in persönlichen Gesprächen beraten. CLMB leistet ausserdem einen wichtigen Beitrag zur Gewaltprävention und zur geschlechterreflektierenden Arbeit mit Jugendlichen sowie zum Kapazitätsaufbau für Fachkräfte wie Lehrpersonen und Sozialarbeiter*innen. Im vergangenen Jahr wurden durch die geschlechtsspezifische Arbeit der Organisation 1637 Schüler*innen im Alter von 15-18 Jahren erreicht. Ziel war es, sichere Räume zu schaffen, in denen sie über Geschlecht und Männlichkeit reflektieren konnten. Um auch Gemeinden zu erreichen, die nicht in unmittelbarer Nähe zu einem CLMB-Standort liegen, bietet die Organisation Online-Beratung an. CLMB ist eine der führenden Organisationen in Albanien, die sich auf die Täterarbeit spezialisiert hat.

Projektkosten*: CHF 96'109.–

Albanien Praevention Gewalt

Häusliche Gewalt im ländlichen Kontext mit besonderem Augenmerk auf Jugendliche:
Unsere Partnerorganisation Woman to Woman (WtW) mit Sitz in Shkodra konzentriert sich auf die Förderung der gesundheitlichen, persönlichen und sozialen Entwicklung von Mädchen und jungen Frauen in abgelegenen Gebieten im nördlichen Albanien. Die Aktivitäten fokussieren insbesondere auf die Förderung der Partizipation und Eingliederung von Jugendlichen und deren Zugang zu Gesundheits- und Schutzdiensten. Im letzten Jahr wurden mehr als 200 Jugendliche durch Freizeitaktivitäten und Informationsveranstaltungen über ihre Rechte und verfügbaren Gesundheitsdienste erreicht. Darüber hinaus wurden sie durch Beratung und Empowerment-Programme unterstützt. Über 450 Beratungsgespräche wurden in Shkodra und 48 durch mobile Teams in ländlichen Gebieten durchgeführt. WtW betreibt auch die einzige Notunterkunft für Frauen und Kinder in Nordalbanien. Im Jahr 2022 wurden 17 Frauen und 11 Kinder in der Notunterkunft untergebracht.

Projektkosten*: CHF 88'943.–

Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt und Arbeit mit gewalttätigen Männern in Nordalbanien:
Das von unserer Partnerorganisation ZDB durchgeführte Projekt zielt darauf ab, häusliche Gewalt in städtischen und ländlichen Gebieten in Nordalbanien zu reduzieren. Dies, indem es Männer und männliche Jugendliche berät und gemeinsam gewalttätiges Verhalten reflektiert. Die gegenwärtige Intervention trägt nicht nur zur Effektivität des Case Managements und zum Schutz von Gewaltbetroffenen bei, sondern hat auch das Ziel, innovative Methoden für die Täterberatung zu entwickeln und einen intersektionalen Ansatz zu verfolgen, der den unterschiedlichen Bedürfnissen der Klienten gerecht wird. 2022 wurden 84 Täter durch das ZDB-Team beraten. Mehr als 30 männliche Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren nahmen an Einzelberatungen teil, die sich auf den Umgang mit Wut, Konfliktlösung und Geschlechtergleichstellung konzentrierten, sowie an therapeutischen Workshops. Das ZDB-Team bemüht sich auch aktiv darum, die politischen und institutionellen Kapazitäten der wichtigsten Institutionen zu stärken. Durch die Beteiligung an der Entwicklung von Standards für die Arbeit mit Tätern, der Ausarbeitung von operativen Protokollen und der Weiterbildung der lokalen Akteure wie Polizei, Gesundheitsamt hat ZDB einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Effektivität der Intervention geleistet. Gleichzeitig hat es auch zur Sensibilisierung der Gemeinden beigetragen, indem es Präventions- und geschlechtsspezifische Arbeit mit Jugendlichen durchführt und in seine ganzheitliche Tätigkeit integriert.

Projektkosten*: CHF 99'144.–

Resiliente Strukturen der Zusammenarbeit gegen Gewalt an Frauen und Mädchen:
Das Projekt wird durch den «UN Trust Fund to End Violence against Women» finanziert und zusammen mit unseren Partnerorganisationen WtW und CLWG sowie dem Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) durchgeführt. Die Intervention nutzt evidenz- und praxisbasierte Ansätze zur Sensibilisierung und Wissensvermittlung und stärkt die am stärksten gefährdeten, von Gewalt betroffenen Frauen und Mädchen. Durch mobile Teams wurden über 900 Frauen und Mädchen psychosozial und rechtlich beraten und sogenannte «Notfallsets» mit Sicherheitsinformationen und Notutensilien für die Gewaltbetroffenen verteilt. Das Projektteam analysierte in Zusammenarbeit mit verschiedenen lokalen und internationalen Organisationen, welche gemeinsam gegen Gewalt an Frauen und Mädchen vorgehen, die Hindernisse und Engpässe des Systems, mit denen sich gewaltbetroffene Frauen konfrontiert sehen, wenn sie Hilfe suchen. Über 232 Vertreter*innen dieser Organisationen und NROs wurden in diese Analyse miteinbezogen und konnten ihr sektorübergreifendes Verständnis in diesem Bereich verbessern.

Projektkosten*: CHF 300'077.–

*Kofinanzierung DEZA

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